50 Shades of Green

Die “Internationale Grüne Woche” und das Wurst-Case-Szenario

Der englischsprachige Begriff 20 20 vision bezeichnet die höchstmögliche Sehstärke. Eine Gegebenheit, die ich gleichsam im Auge behielt, als ich mir die Internationale Grüne Woche 2020 anschaute. Denn es kommt auf die Sichtweise an, nicht wahr? Indem ich das gut besuchte Berliner Messegelände unter dem Funkturm betrat, kam es mir vor, als hätte man meine Brille durch ein Kaleidoskop ersetzt. Ich sah Fifty Shades of Green –  aber die bunte Farbkonstellation war für meine bioveganen Bedürfnisse nicht besonders stimulierend, geschweige denn fesselnd.

Grillen war groß geschrieben

Besser gesagt, kleine Grillen waren groß geschrieben. Frittierte Grillen. Während ich die ausgedehnten, teils auch ausgedienten Hallen von 1 bis 27 abtastete, musste ich weit und breit suchen, um rein pflanzliche Landwirtschaftserzeugnisse zu finden – und auch sie waren nicht unbedingt bio! Wenn man in dem Gedränge gezielt danach fragte und überhaupt mit einem halbwegs interessierten Ansprechpartner unter den Ausstellern rechnen durfte, wurde man achselzuckend und stirnrunzelnd an das Pressezentrum oder an den nächsten Infostand weitergereicht. Große Defizite. Nicht minder deprimierend waren die Verhältnisse in Halle 25, wo die Tiere untergebracht, vielmehr als Nutzvieh eingepfercht waren. Kühe in knallengen Ställen, Kälbchen zu viert in Boxen. Oft nach langen Fahrten kreuz und quer durch die Bundesrepublik. Angstschweiß, Lärm, Zurschaustellung. Nicht weit entfernt: Weißwurst-und Wiesn-Atmosphäre. Für mich war es zutiefst enttäuschend, zu begreifen, wie elastisch die Etikette „Grün“ geworden ist.

Die Entstehung der Grünen Woche

Zugegebenermaßen war die Grüne Woche, die eigentlich bereits 1926 gegründet wurde, schon von Anfang an nicht unbedingt auf die Würdigung tierischer Unversehrtheit bedacht. Die IGW lief ursprünglich sogar ohne „I“ über die Bühne. Also nichts von globalen Ansichten, nichts mit Beatniks in Birkenstock-Sandalen. Das Umfeld war stockkonservativ. Ein Beamter im Berliner Fremdenverkehrsamt war auf die Idee gekommen, die jährlich wiederkehrende Wintertagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft als eine großangelegte Ausstellung zu veranstalten, die den Straßenverkäufern die Möglichkeit bescherte, ihre Ware in einem übersichtlichen Markthallenambiente feilzubieten. Das Grüne daran bezog sich dabei nicht etwa auf ökofreundliche Ansichten, sondern auf die Farbe der Lodenmäntel, die von den meisten Besuchern getragen wurden. Man denke an den ikonischen Förster, der mit geschultertem Gewehr, Rauschebart und Rauhaardackel auf die Pirsch geht. So war es auch. Fotos aus der Zeit zeigen, wie Reichspräsident von Hindenburg Jagd-Trophäen begutachtete. Die wenig später 1933 erfolgte Einbindung der Grünen Woche in die nationalsozialistische Ideologie ist ein Thema an und für sich.

welche Geschäfte werden vorangetrieben?

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Veranstaltung wieder ins Leben gerufen, und schon Anfang der 1960er Jahre kamen zwei Drittel der Aussteller aus dem Ausland. Mittlerweile ist die IGW die weltweit bedeutendste Messe für Ernährung, Gartenbau und Landwirtschaft. Zwischen dem 17. und dem 26. Januar 2020, als Kroatien das Gastland war, gab es gut 400.000 Fach- und Privatbesucher. Ein wortwörtlich geschäftiges Treiben mit kostenlosen Kostproben. Aber welche Geschäfte werden dabei vorangetrieben? Wird die Massentierhaltung den Massen immer schmackhafter gemacht? Werden die Blütenträume der chemisch-industriellen Agrarlobbyisten in Erfüllung gehen, wenn mit dem Etikett Grün den Verbrauchern gesundheitlich bedenkliche Produkte unterbreitet werden. Alleine die Internationalität der Messe garantiert noch lange nicht, dass globale Initiativen in Richtung Zukunftsfähigkeit serviert werden.

Das Fleisch und Das Klima

Eine Messe heutzutage sollte auf Nachhaltigkeit gerichtet werden. Die Besucher sollen zum Nachdenken angeregt werden. Sie sollen wissen, was Fleischproduktion und Klimaschutz miteinander zu tun haben. Dabei geht es mir nicht darum, anderen vorzuschreiben was sie zu verzehren haben und wie sie zu feiern hätten. Doch das fleischlastige Flair der Messe hat mich und andere sehr frustriert. Dass es Gräben in der Gesellschaft gibt, kann nicht geleugnet werden.

Zum Messebeginn hatten Greenpeace-Aktivisten gegen Billigfleisch medienwirksam protestiert. Draußen vor der Tür. Einige Kilometer weiter am Brandenburger Tor, gab es zwei verschiedene Bauerndemos, und zwar jeweils mit Traktoren-Sternfahrten. Land schafft Verbindung, eine Initiative gegen neue Düngevorschriften und für „faire“ Preise für Lebensmittel, traf auf das Bündnis Wir haben es satt, das sich gegen Pestizide in Ackerbau und Viehzucht einsetzt und auf die Gefahren der globalen Erwärmung aufmerksamer machen will. Drinnen auf der “Internationalen Grünen Woche” konnten aber keine richtigen Dialoge aufkeimen.

Es war business as usual

Da verging mir der Appetit. Mit dem Thema Veganuary wurde so gut wie nichts angefangen. Aber der Februar kommt, diesmal mit 29 Tagen und mit einer Messe namens BioFach in Nürnberg. Vom 12. bis zum 15. Februar 2020. Das steht auf schon auf der Speisekarte.

Dr. Michaela Dudley
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