Der Afro-Veganismus

Der Afro-Veganismus

Es war neulich im vergangenen Februar, vermeintlich eine Epoche her, als das grassierende Covid-Virus unsere Schlagzeilen, wohl oder übel, noch nicht dominierte. Ich hielt einen Vortrag über schwarze Feminist*innen, und zwar im Rahmen vom Black History Month. Dabei wurde ich spontan darum gebeten, den Afro-Veganismus anzuschneiden. Dieses Thema stand allerdings nicht auf der Speisekarte, obwohl mein Referat sich durch einige Gänge fortbewegt hatte. Die Bitte, mit der eine übrigens weiße Zuhörerin aufwartete, kam also quasi als Nachtisch. Letzterer jedoch war für mich, gerade als eingefleischte Veganerin, ganz nach meinem Geschmack. In meiner Eigenschaft als Antidiskriminierungs-Aktivistin, die an vielen Fronten vor- und anstößt, bin ich gerne dazu bereit, über meine intersektionalen Ansichten, Erfahrungen und Erkenntnisse zu reden. Und der Kampf für den Veganismus ist, wie wir wissen, durchaus ein Kampf gegen die Diskriminierung.

Aber was genau zeichnet den Afro-Veganismus aus?

Sind es Schwarze, die nur betonen wollen, dass auch sie den Schuss endlich gehört haben und nunmehr auf  Fleisch verzichten? Handelt es sich um einen Trend, mit dem Trittbrettfahrer*innen afrikanischer Abstammung auf sich aufmerksam machen wollen? Die Fragen sind gerechtfertigt – und trotzdem ein wenig tendenziös. Die Antwort, diplomatisch und zugleich dezidiert formuliert, lautet im Grunde genommen so: Der Afro-Veganismus lädt unsere Mitstreiter*innen jeglicher Couleur ein, über den Tellerrand eurozentrischer Argumente für den Veganismus hinaus zu schauen. Wir sind nicht zum Kellnern oder zum Zuschauen da. Nein, wir wollen uns hinsetzen und mitreden, wie es sich für ernsthaft, enthusiastisch engagierte Weltverbesser*innen auch geziemt. Wenn wir alle dafür eine Verlängerungsplatte für den Tisch benötigen, dann so muss es auch sein.

Es geht nicht einmal darum, wer den Veganismus, überspitzt formuliert, „zuerst entdeckt“ hat.

Es geht nicht einmal darum, wer den Veganismus, überspitzt formuliert, „zuerst entdeckt“ hat. Den gängigen Begriff Veganism gibt es eh erst seit 1944, bekanntlich vom britischen Tierschützer Donald Watson geprägt. Das Konzept dahingegen ist selbstverständlich wesentlich älter. Pythagoras of Samos, den wir im Zusammenhang mit dem Hypotenusen-Satz aus der Geometrie gewissermaßen über drei Ecken kennen, hatte bereits um 500 vor Christus die pflanzliche Ernährung schriftlich erwähnt. Doch auch im Ägypten der Antike war fleischfreies Essen ausgeprägt. In Buddhismus, Hinduismus und Jainismus ist der vegane Lebensstil freilich auch längst verankert. Bei den Azteken in der „Neuen Welt“ war fleischfreies Essen keine Seltenheit. Und, ziehe da, selbst tiefen im Schwarzen Kontinent, gab es vegetarisch und sogar vegan orientierte Kulturen, als der Europäer mit seinem Eisenketten noch lange nicht aufgetaucht war.  Dann aber, als Sklavenhändler aus Europa aufkreuzten, führten sie die Domestizierung von Tieren massenhaft für den kommerziellen Zweck und für den Export ein. Die Folgen waren katastrophal: Tierseuchen unter Menschen, die Zerstörung des nomadischen Lebensstiles, die Verdrängung der pflanzlichen Anbaukulturen der Einheimischen, und, und, und.

Überdies ruft der Afro-Veganismus Schwarze und Nicht-Schwarze dazu auf, die Ernährung als eine unentbehrliche Zutat der Gleichberechtigungsdiskussion zu betrachten. Wir begrüßen ausdrücklich, dass Weltstars wie die Afroamerikanerinnen Schwestern Venus und Serena Williams längst dabei sind, und in ihren Rollen als Multiplikatoren wirken sie übrigens nicht nur in die schwarze Community hinein. Das ist auch gut so. Dabei gleicht es manchmal einer Sisyphus-Arbeit, andere Schwarze davon zu überzeugen, dass der Veganismus nicht nur Sache der Weißen ist.

Black Vegans

Gerade deswegen zählt der schonungslose Rückblick auf die finstere Geschichte zu den Hauptingredienzen unserer Aufklärungsarbeit. Indem wir als Black Vegans unsere soziokulturelle Bewegung als eine Bewegung der Emanzipation bezeichnen, reden wir nicht „nur“ über das Ziel, uns gemeinsam vom Fleischkonsum unabhängig zu machen. Es geht vielmehr um die Notwendigkeit, den Rassismus umfassender zu betrachten, und zwar dergestalt, dass das Verhältnis zwischen Schwarzfeindlichkeit und Tierfeindlichkeit unmittelbar mit einbezogen wird. Im effizient funktionierenden, patriarchalisch geprägten Kolonialismus der Europäer, wurden Schwarze und Tiere miteinander de facto gleichgestellt und über Jahrhunderte hinweg als Sklaven und Objekte verwertet beziehungsweise ausgebeutet. Je industrialisierter die „Zivilisation“, desto gieriger der Vernichtungseifer.

Die Parallelen zu erkennen, ermöglicht es uns, die Zusammenhänge zu identifizieren.

Ob bei Menschen- oder Tierrechten, geht es darum, Respekt für die Unversehrtheit des anderen zu fordern. Solche Wahrnehmungen bergen in sich das Potenzial, die Solidarität über kulturelle und ethnische Grenzen hinweg zu stärken, und jedweder Kampf für die Gerechtigkeit bedarf der Stärkung der Solidarität. Wir Black Vegans wollen uns weder abgrenzen noch bis zur Selbstaufgabe assimilieren, sondern unter stolzer Beibehaltung unserer facettenreichen Identität den Kampf für das Wohl der Menschen und Tiere zusammen mit anderen Gleichgesinnten fortsetzen. Dabei kann man von unserem Hunger für Gerechtigkeit und gesunde Lebensumstände viel lernen. Viel Wichtiges, viel Gesundes. Gerade in Zeiten von Covidis.

Dr. Michaela Dudley
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