Ansichtssache und Anziehsachen – Tiere machen Kleider?

Als ich nicht mehr zu den Karnivoren zählte, aber zuerst einmal lediglich vegetarisch und noch nicht vegan unterwegs war, lies mich die Frage schon keine Ruhe: Soll ich tierische Produkte auch aus meiner Garderobe verbannen? Was heißt denn „auch“? Tierische Produkte hatte ich noch lange nicht aus meinem Kühlschrank verbannt. Leichenteile schon. Aber nach wie vor aß ich Käse und trank ich Kuhmilch. Wo kamen diese Produkte denn her, wenn nicht vom Tier? Doch viele Vegetarierinnen und Vegetarier, wie zugegebenermaßen ich auch damals, tendieren dazu, Kompromisse der bequemen Art einzugehen. Ach was, die Kühe werden (noch lange) nicht geschlachtet und all so was. So bastelt man an einer Ausrede spricht Rechtfertigung dafür, die Erzeugnisse eingepferchter Lebewesen weiterhin zu verzehren, vermeintlich ohne Schuldgefühle verspüren zu müssen.

Ähnlich läuft es in puncto Kleidung. Sogar auch etliche Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die sich als vegan bezeichnen, schieben die Frage vor sich her. Einige von ihnen tragen nach wie vor Kleidungsstücke, die beispielshalber aus Leder, Seide oder Wolle (Schafe seien sanfte, geradezu zimperlich geschoren) bestehen. Teils unbewusst sogar. Manchen, denen es mehr oder minder bewusst ist, begnügen sich mit der Erklärung, ein Tier, dessen Fell verwendet werde, müsse eh nur einmal sterben.

„Ja, ich habe dafür kein Schwein getötet“, sagte mir ein „Neu-Veganer“ diesbezüglich vor wenigen Monaten, als ich ihn auf seine ledernen Schuhe und seinen ledernen Gürtel ansprach. „Mensch, ich hätte es ohnehin nicht töten können. Das wäre ja barbarisch gewesen.“

„Und weshalb trägst du die Trophäen barbarischer Handlungen?“ wollte ich wissen, und ein Dutzend Jahre zuvor hatte ich mir selbst dieselbe Frage gestellt, und ich ließ nicht locker. „Warum denn willst du in diese Schuhe schlüpfen und den Gürtel am Leibe tragen? Merkst du nicht, dass du dich in diese brutale Verwertungskette eingliederst, und zwar jedwedes mal, wenn du diese Sachen trägst? Wie sollten Fremde überhaupt wahrnehmen, dass du vegan bist?“

„Okay, okay“, stöhnte er. „Mensch, man muss sich bei dir nackt ausziehen, oder?“

„Das entscheide ich“, entgegnete ich achselzuckend. „Aber du entscheidest schon, inwieweit du es ernst meinst.

Fakt ist, viele Menschen verbinden Veganismus nur mit dem Nichtessen tierischer Produkte. Doch beim veganem Dasein geht es nicht lediglich um die gesunde, rein pflanzliche Ernährung, sondern es handelt sich um eine im Grunde genommen umfassende Veränderung des Lebensstils.

Ja, es ist weitaus mehr als ein Life Style. Es ist  ein Stil für das Leben. Ein Stil, der vielmehr nicht darauf bedacht ist, das Leben anderer Lebewesen zu beeinträchtigen, zu gefährden oder zu vernichten. Für mich persönlich beinhaltet der Veganismus in erster Linie und ja schlussendlich eine Verpflichtung, mich gegen die grausame Ausbeutung von Tieren und übrigens zugleich zum Wohle der Menschheit zu stellen. So gesehen ist es sinnlos, sogar heuchlerisch, nach einer Philosophie zu leben, die den Verzehr tierischer Produkte zwar ausschließt, jedoch übersieht oder verharmlost, wie sie in anderen Facetten unseres Lebens verwendet werden.

Die einzige offene ethische Frage, die Veganerinnen und Veganer hier haben sollten, dürfte verständlicherweise wie folgt lauten: „Soll ich die Kleidungsstückes aus tierischen Produkten auf den Müllhaufen werfen oder in die Altkleidung geben?“ Auf alle Fälle sollten sie raus aus dem eigenen Kleiderschrank. Auch wenn es weht tut. Denkt daran, was die Urheberinnen und Urheber der Häute und Haare alles an Schmerzen über sich ergehen lassen mussten.

Dr. Michaela Dudley
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2 Gedanken zu „Ansichtssache und Anziehsachen – Tiere machen Kleider?

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  2. Sam Choi (she/her) Antworten

    Super Beitrag! Danke. <3 Ich höre öfters sowas, von wegen, "diese Pelzmantel ist von meine Oma, soll ich die jetzt wegwerfen, das wäre u.a. respektlos die Tiere gegenüber..?" Pelz tragen, egal ob alt oder neu ist immer einen 'Statement', der sagt aus, "Ich bin damit gut, abgezogene Haut von gequälter Tiere zu tragen".

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