Barbara Rütting

ein Nachruf

„Das Gebot, du sollst nicht töten, sollte endlich auch in Bezug auf die Tiere gelten“, betonte Barbara Rütting ebenso unbeirrt wie unermüdlich. Für uns in der veganen Bewegung ist das Prinzip eine Selbstverständlichkeit, eine Binsenwahrheit, die in unserer Denk- und Verhaltensweise tiefverwurzelt ist. Und doch, es musste zuerst einmal artikuliert werden. Beharrlich, ja sogar belehrend, aus dem Brustton der Überzeugung. Mit Barbara Rütting war diese Rolle hervorragend gut besetzt. Barbara Rütting, 1927 in Berlin als Waltraut Irmgard Goltz geboren, war ohnehin eine Schauspielerin, wobei sie ihren facettenreichen Lebenswandel als Dienstmädchen begonnen hatte. Im Laufe ihres langen Lebens diente sie dem Wohle der Menschen, der Tiere und unserer Mutter Erde.


Barbara Rütting war der Inbegriff einer Lichtgestalt.

Barbara Rütting war der Inbegriff einer Lichtgestalt. Im Rampenlicht stand sie bereits im Jahre 1952, als sie in Theater und auf der Leinwand debütierte. Für ihre ersten größeren Filmrollen in Postlagernd Turteltaube und Die Spur führt nach Berlin erhielt sie als beste Nachwuchsschauspielerin den Bundesfilmpreis. Ihr wurde dabei sogar das höchstdotierte Filmband in Gold verliehen. Wenige Jahre später glänzte sie in ihrer Paraderolle in der Neuverfilmung des Literaturklassikers Die Geierwally. Insgesamt drehte sie rund 50 Streifen als Hauptdarstellerin, und im Laufe ihrer Jahrzehnte umspannende Schauspielkarriere trat sie in diversen TV-Serien auf, ob Derrick oder Rosamunde Pilcher. Aber nicht nur deshalb ist sie immer wieder im Fernsehen erschienen.

Im wahren Leben machte Barbara Rütting als politische Aktivistin immer wieder Schlagzeilen.

Sie wählte das breite, doch eng zusammenhängende Feld des Umweltschutzes, der Menschenrechte und der Tierrechte. Und von Anfang an stand sie an der Front, als  Flashmobs, digitale Demonstrationen und trendbewusste Tweets noch nicht einmal Zukunftsmusik waren. Barbara Rütting war nicht virtuell, sie war vital. Dafür packte sie an, koste es, was es wolle. Ohne Rücksicht auf ihr hohes Alter und noch höheres Ansehen. Im Jahre 1982 kettete sie sich mit rund 30 anderer Tierschützer*innen vor dem Berliner Pharmakonzern Schering an, um auf Tierversuche aufmerksam zu machen. Zwei Jahre später verfasste sie das Vorwort zum Buch Nackte Herrscherin und stellte die an Tierversuchen festklammernden Industrie gleichsam bloß. Als sie gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik protestierte, geriet sie in polizeilichen Gewahrsam. Die Pazifistin  organisierte Hilfsprojekte für die Opfer der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl. Als Verfechterin der Vollwerternährung warb sie mitsamt ihrem Konterfei für ein mit Fenchel, Koriander und Kümmel gewürztes Bio-Vollkornbrot.

Eine Sache kriegte Barbara Rütting allerdings nicht gebacken, nämlich das Bravourstück, eine reibungslose Beziehung zu den Grünen zu pflegen. Eigentlich war sie ein frühes Mitglied der Partei und war sogar mit Petra Kelly und Gerd Bastian befreundet gewesen. Trotzdem, und gerade deswegen, war sie mit Joschka Fischers Zustimmung zum militärischen Einsatz im Kosovokrieg 1999, gelinde gesagt, nicht zufrieden. Barbara Rütting trat aus der Partei aus. Es war Renate Künasts Einsatz für den Tierschutz, der sie dazu bewegte, den Grünen wieder bei zu treten. 2003 zog Barbara Rütting als Abgeordnete in den Bayerischen Landtag ein und wurde mit 75 Jahren Alterspräsidentin. In einem bitterbösen, nicht minder bedauerlichen Ironie des Schicksals war es Renate Künast, die ihr 2009 den Anlass gab, die Partei wieder voller Entrüstung zu verlassen, und zwar nicht nur wegen der Zustimmung zum Kriegsbeteiligung in Afghanistan: Denn Renate Künast hatte vor laufender Kamera einen Fisch getötet und dabei den Satz „Ganz ehrlich, wenn’s nachher gut schmeckt, …“ über die Lippen gebracht. Der Saibling war sogar mit drei Stockschlägen auf den Kopf erlegt worden, und zwar in Anwesenheit eines Kindes.

Völlig zu Recht war Barbara Rütting, gerade auch als langjähriges Ehrenmitlied des Vegetarierbundes, tierisch entsetzt.

„Die wollten mich zwar als Zugpferd haben, aber dann sollte die alte Schachtel die Klappe halten“, resümierte sie mit bildhafter Ausdrucksweise. Das Maul konnte sie nicht halten, und dafür wurde sie von der Tierschutzpartei 2010 mit der MUT-Medaille ausgezeichnet. Sechs Jahre später wurde sie Mitglied der neu gegründeten V-Partei³ (Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer).

Manche Menschen belächelten Barbara als Ulknudel oder erblickten in ihr eine naive, unbelehrbare Weltverbessererin.

Sie gab auch zu, in der Schublade „gefährliche esoterische Spinner“ gelandet zu sein. Nicht minder bedenklich jedoch war der ihr zugeschriebene Satz, auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte Satz, mit dem sie sich für ihre Einführung in die Vollwerternährung erkenntlich zeigt: „Letzteres schulde ich meinem Lehrmeister Dr. Max Otto Bruker, bei dem ich die Ausbildung zur Gesundheitsberaterin gemacht habe und dem ich so viel verdanke.“ Ähnliches erwähnt sie in mindestens einem auf Youtube hochgeladenen Video. Höchst problematisch ist, dass Bruker, ein ehemaliges SA-Mitglied war, der dann von 1972 bis 1982 als „Wissenschaftlicher Beirat“ der als rechtsextrem eingestuften „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“ gedient hatte.

Andererseits distanzierte sich Barbara von der Ideologie der Nationalsozialisten. Auf der Webseite der V-Partei, wo sie ihre Jugend in der NS-Zeit schonungslos schilderte, bezeichnete sie ihren ersten Gatten Hans Rüttung als einen von den Nazis zum Tode verurteilten Antifaschisten, der gerade noch in letzter Minuten fliehen konnte. Auch ihr zweiter Mann, Heinrich Graf von Einsiedel, Urenkel von Otto von Bismarck, habe sich aktiv gegen den Faschismus engagiert. Zudem habe sie ihren eigentlichen Vornamen Waltraut aus Protest abgelegt, da er für sie „zu germanisch“ klang. 2017 bemerkte sie: „Aktuell erleben wir in Deutschland erneut Hetze und Diffamierungen – in alle Richtungen. Wir müssen mutiger werden, uns nicht daran beteiligen, sondern den Mund aufmachen! Wo Unrecht Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“

Bei der Bundestagswahl 2017 gelang es ihr in ihrem Wahlkreis das beste Zweitstimmenergebnis der Partei zu holen, mit dem Leitsatz kandidierend: „Wir lieben das Leben.“

Wahrhaftig liebte Barbara das Leben.

Bis zum Schluss. Am 28. März 2020 im bayrischen Marktheidenfeld segnete sie das Zeitliche. Zu Hause im Kreise ihrer Liebsten starb sie im stattlichen Alter von 92 Jahren. Sie sei, wie ihre trauernden Hinterbliebenen Lola, Manu und Maxim es schildern, „über die Regenbogenbrücke gegangen“.

Dr. Michaela Dudley
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