Bio? Logisch!

„Sag mal, isst ihr nur Bio-Produkte?“, so lautet eine der Fragen, die man uns VeganerInnen immer wieder stellt. In der Mehrzahl entgegnen wir die Frage mit einem bejahenden Kopfnicken, das zugleich von einem echauffierten Seufzen begleitet wird. Für die meisten von uns ist es dermaßen selbstverständlich.

Bio? Logisch!

Doch an und für sich ist die Frage völlig nachvollziehbar. Denn im Grunde genommen müssten Lebensmittel nicht ausschließlich aus dem biologischen Anbau stammen, um vegan zu sein.

Die Bezeichnung „vegan“ beschreibt eigentlich alle rein pflanzenbasierten Produkte, selbst wenn sie aus der konventionellen Landwirtschaft stammen. Als Präsizierungsversuch gibt es in der Bundesrepublik den Definitionsvorschlag der Bundesländer (12. VSMK, 22. April 2016). Vegan sind demgemäß „Lebensmittel, die keine Erzeugnisse tierischen Ursprungs sind und bei denen auf allen Produktions- und Verarbeitungsstufen keine – Zutaten (einschließlich Zusatzstoffe, Trägerstoffe, Aromen und Enzyme) oder – Verarbeitungshilfsstoffe oder – Nicht-Lebensmittelzusatzstoffe, die auf dieselbe Weise und zu demselben Zweck wie Verarbeitungshilfsstoffe verwendet werden, die tierischen Ursprungs sind, in verarbeiteter oder unverarbeiteter Form zugesetzt oder verwendet worden sind.“ Das beinhaltet einen guten Anfang. Es handelt sich dabei jedoch nur um eine Empfehlung. Und das wissen wohl diejenigen Lebensmittelhersteller, die aus purer Profitgier auf den fahrenden Zug aufspringen, ohne sich zu den Prinzipien und Zielen des ökologischen Anbaus bekennen zu wollen. So nach dem Motto:

„Raus aus den Schlupfwinkeln, rein in die Schlupflöcher!“

Deshalb florieren die Angebote von Mainstream-Marktführern, die ihre „neuen“ Geschäfte weiterhin auf vergiftetem Boden kultivieren möchten. Sie zielen primär auf die wachsenden Zahlen von VerbraucherInnen, die mal eine Ernährung ohne Tierprodukte erwägen und gutgläubig annehmen, Veganes sei zwingend frei von chemisch-synthetischen Pestiziden. Natürlich gibt es trotzdem einen Aufpreis, aber dieser wird vom Hersteller selbst gedeckelt, um sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den echt bio-veganen, etwas teureren Herstellern zu schaffen. Die Gewinnspanne wird also leider höher bewerten als das Gewissen und die Gesundheit zusammen.

Theoretisch können sogar auch gentechnisch manipulierte Lebensmittel als „vegan“ etikettiert werden. Eine Vorstellung wie aus einem Horrorfilm aus Hollywood. Und siehe da, dank des kalifornischen Herstellers Impossible Foods ist diese düstere Zukunftsvision schon Realität. Da wird Fleischersatz aus genmanipulierten Bestandteilen im Labor kreiert. (Quelle: https://faq.impossiblefoods.com/hc/en-us/articles/360023038894-Does-it-contain-genetically-modified-ingredients-)

Bei mir dahingegen kommt ausschließlich biologisch Veganes auf den Teller.

Zum einen ist der Nährstoffgehalt höher. Zum anderen sind die Pestizid-Belastungen wesentlich niedriger, wobei ich den auch im Biobereich gängigen Einsatz von Hornspänen, Kupfer und Düngemitteln partout nicht für unbedenklich halte. Überdies ist mein Ansatz holistisch und auf Nachhaltigkeit bedacht. Das Veganerdasein beinhaltet für mich vielmehr nicht etwa einen Verzicht, sondern ein Vergnügen mit einer Verpflichtung. Mit der Verpflichtung zur organischen Einstellung. Ich bin mit Leib und Seele Veganerin, und ich betrachte mich dabei als kleines Teilchen eines großartig Kreislaufes. Wer „A“ sagt, müsste eigentlich auch „B“ sagen. „B“ für „Bio“. Mir ist nicht lediglich meine eigene Gesundheit wichtig, sondern auch die meiner Zeitgenossen und unserer Kinder und Enkel. Diese kann nicht gewährleistet werden, wenn wir unsere Mutter Erde weiterhin vergiften. Der Öko-Landbau fördert ohnehin die Artenvielfalt und den Gewässerschutz. So was spräche dagegen, die Öko-LandbauerInnen zu fördern, anstatt die CO2-Sünder weiterhin zu subventionieren?

Indem ich Bio-Produkte entschieden wähle, kann ich schon ein Stück weit mitreden.

Dennoch verstehe ich schon. Nicht alle, die sich als „Flexiganer“ outen möchten, vertreten gleich eine ganzheitliche Anschauungsweise. Auch bei mir – zuerst 25 Jahre lang nahtlos vegetarisch und nun seit 7 Jahren streng vegan – hat es gedauert, bis ich die Zusammenhänge begriff. Doch gerade deswegen ist es wichtig, dass wir potenzielle EinsteigerInnen umso klarer über die in der nicht-biologischen Landwirtschaft herrschenden Umstände informieren. Nein, nicht indoktrinieren, aber informieren. Woher sollten sie diese fehlenden Kenntnisse sonst erfahren? Etwa aus der Mainstream-Industrie, deren Lobbyisten das Parlament als Playground betrachten?

Also, wenn man uns das nächste Mal fragt, ob Veganes unbedingt biologisch sein müsste, sollten wir nicht süffisant reagieren, sondern die Frage mit einem inspirierenden Lächeln, Engelsgeduld und sachlichen Erklärungen beantworten.

Meine Antwort lautet auf jedweden Fall: „Bio? Logisch!“

Dr. Michaela Dudley

Die Berlinerin Dr. Michaela Dudley, Jur. Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln, eine Kolumnistin des LGBTQ-Magazins SIEGESSÄULE und aktivistische Kabarettistin. Ihr Kleinkunstprogramm lautet „Gier-Echt: Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“. In diesem Zusammenhang erschien sie bereits als Gastmoderatorin beim RBB-Fernsehen, beispielsweise beim Berliner CSD 2019. Zudem doziert sie als Diversity-Expertin und wird unter anderem von der Deutschen Bahn und dem Sender MDR als Keynote-Rednerin gebucht: https://www.diva-in-diversity.com. Beim Veganen Sommerfest in Berlin und auf der Frankfurter Buchmesse trat sie als Diskussionsteilnehmerin zur Thematik Feminismus und Toleranz auf. Sie ist nicht zuletzt eine registrierte Übersetzerin (DIN-Certco 7U242) und Sprachberaterin DeutschEnglisch.
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