Ernährung und Annäherungsversuche, oder Saitan-Sprünge im Cyber-Space

„Aber ich verstehe es nicht so richtig“, seufzte der Herr echauffiert, so sehr er auch versuchte, ein Lächeln noch einmal zustande zu bringen. Unsere Gesichter waren knapp zwanzig Zentimeter auseinander, und zwar ohne Masken. Das war vor wenigen Tagen, mitten in der Pandemie. Dabei saß ich in Berlin-Mitte, während er am Schreibtisch in der Altstadt von Frankfurt am Main verweilte. Wir waren gerade am Ende einer spontanen, geschäftlichen Telekonferenz. Home Office hoch drei. Oder hoch dreist. Multitasking zwischen Vesper und Videokonferenz . Wenigstens befanden wir uns in derselben Zeitzone. Und die Teilnehmerzahl war recht übersichtlich. Denn es gab lediglich mich und den ledigen Herren aus Mainhattan. Immerhin einem Karnivoren, einen Blick auf mein Mittagsessen zu erhaschen. Die Abdeckhaube hatte ich soeben gelüftet. Er fand es appetitlich, so vom Aussehen her. Und dann kam seinerseits doch das Grinsen, als hätte er mich allerdings in flagranti dabei ertappt, eine Todsünde zu begehen.

Durch die Webkamera erspähte er einen Teller mit grünen Bohnen, gebratenen Kartoffeln – und einem Schnitzel! Zart, aber knusprig. Doch, versicherte ich umgehend, ein wenig ungeduldig nach dem Messer fassend. Dabei hätte ich die Leitung endlich kappen können, symbolisch betrachtet. Cyber-Kastration, so nennt frau das, um Männern, die phishing für Komplimente sind, nicht ins Netz zu fallen.

„Das ist tatsächlich fleischfrei“, erklärte ich. Dabei legt ich Wert darauf, dass er meine rollenden Augen sehen konnte.

Vielleicht kennt ihr das Gefühl. Es ist der Moment, in dem ein Karnivore endlich wahrnimmt, dass veganes Essen sich nicht auf Karnickelfutter beschränkt. Er konnte sich irgendwie nicht satt sehen, wollte aber wissen, ob ich damit gesättigt werden konnte.

„Ja, wenn ich zum Essen komme“, zwinkerte ich, aber das Zwinkern hätte ich lassen sollen. „Jetzt müsste ich einen Saitan-Sprung machen.“

Übrigens, der Saitan und auch das Saitan. Selbst der Duden zeigt sich da ziemlich genderfluid. So sagt die Dudley. Ich betonte auch, dass ich eine Transgender-Frau bin, wohl hoffend, den Spießer in ihm zu erschrecken. Es bewirkte das Gegenteil. Seine Gattin sei angeblich ein paar Tage verreist. Oder hießt es „vereist“? Auf jedweden Fall mochte er das Eis brechen.

„Saitan?“ fragte der Herr, mit der hohen Stirn runzelnd.

„Genau“, nickte ich. „Saitan hat eine fleischähnliche Konsistenz, besteht jedoch aus Weizeneiweiß. Der Namensgeber ist ein gewisser Georges Ohsawa alais Nyoichi Sakurazawa. Er gilt als Erfinder der makrobiotischen Ernährung. Und dies ist –“

„Aha, ach so“, unterbrach der Herr.

Es war ihm anzuhören, dass er es doch nicht so genau wissen wollte. Dafür war es dennoch offensichtlich sein Ziel, mich gewissermaßen warm zu halten. Wiederum wa ich darauf bedacht, das Schnitzel, also mein auf dem Teller liegenden Schnitzel, nicht kalt werden zu lassen. Trotzdem, und auch gerade deswegen, schien es für mich vorteilhaft zu sein, den Gesprächspartner gleichsam zappeln zu lassen. Wohl nicht in der Pfanne, sondern nach wie vor am anderen Ende der Leitung. Der geschäftliche Austausch war schon vorbei. Während der Herr offenbar Schmetterlinge im Bauch hatte, übrigens nicht vegan, verspürte ich Magenknurren. Obwohl ich mich unnahbar gab, kroch er immer ein bisschen näher an mich heran.

„Ihr wollt angeblich kein Fleisch essen“, monierte er mit einem vermeintlich sympathischen Schuss Süffisanz. „Warum denn muss es wie Fleisch angerichtet werden? Ihr habt also doch Sehnsucht danach, oder?“

„Wenn frau zu einem Dildo greift, soll er auch überzeugen“, erwiderte ich. „Das ganze Rindvieh braucht sie aber nicht.“

Vielleicht war ich damit ein wenig zu barsch (fishing for compliments). Immerhin ruft er mich nicht mehr an, geschweige denn zu Mahlzeiten. Ob ich ihn zum Veganer bekehren konnte, mag ich zu bezweifeln. Noch viele Männer lassen sich nicht von ihren fleischlichen Gelüsten befreien.

Unser Alex ist Meister im “Knusperschnitzeln”.
Hier gibt´s ein leckeres Rezept – natürlich vegan:

  • 6 Soja Big Steaks
  • 350 ml Pflanzendrink
  • ca. 35 g Mehl
  • ca. 250 g Cornflakes Natur
  • Salz, Pfeffer, Paprikapulver edelsüß
  • Sonnenblumenöl zum Braten

Zubereitung

Die Big Steaks in reichlich Salzwasser für ca. 30 Minuten köcheln lassen, anschließend aus dem Wasserbad holen und abtropfen lassen. Vor der weiteren Verarbeitung auf Küchenpapier leicht das restliche Wasser ausdrücken.

Das Mehl mit dem Pflanzendrink glattrühren, kräftig mit Salz, Pfeffer und Paprikapulver würzen und den Teig auf einen flachen Teller geben. Auf einem zweiten Teller die Cornflakes mit der Hand zerbröseln. Die Steaks nun zuerst im Teig baden und anschließend in den Cornflakes wälzen. In viel Sonnenblumenöl von beiden Seiten knusprig ausbacken.

Guten Appetit!

Dr. Michaela Dudley
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Ein Gedanke zu „Ernährung und Annäherungsversuche, oder Saitan-Sprünge im Cyber-Space

  1. Sam Choi (she/her) Antworten

    Herr(frau)lich! 😉 ..hab total gelacht. 😀 den Spruch mit dem Dildo habe ich mir gemerkt!

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