HASS-LIEBE

Kennt irgendjemand die Pluralform von „Avocado“? Antwort: Kanzlei. Okay, okay. Sorry. Das ist ein altes Wortspiel aus dem Jurastudium. An und für sich hat das heutige Thema nichts mit Anwält*innen zu tun. Dafür aber mit anderen Hass-Objekten. Es handelt sich vielmehr um die Liebe zu Hass-Objekten. Die Liebe, die viele von uns Veganer*innen zu Alligatorbirnen pflegen. Nun, das klingt nicht besonders vegan, aber so nennt man Avocados im Volksmunde. Und im Munde zahlreicher Völker rund um die Erde schmeckt die cremige, grüne Frucht hervorragend. Als Guacamole, als Smoothie, als Brotaufstrich auf Toast, insbesondere als Butter-Ersatz, freilich auch in Form von gegrillten Scheiben, und, und, und. Das grüne Gold ist reichhaltig an Eisen, Kalium und Magnesium. Zudem trägt sie viel Vitamin B6 und viel Vitamin D in sich. Überdies ist es kaum aus der Low-Carb-Küche wegzudenken.

Die Avocado ist eine Pflanzenart der Lorbeergewächse und entstammt ursprünglich den tropischen Regenwäldern Mexikos und Lateinamerikas. Bereits während der El-Riego-Phase zwischen 7.000 und 5.000 vor. Chr. haben halbnomadische Jägergruppen im südmexikanischen Tehuacán den Avocadobaum (Persea americana) kultiviert. Übrigens noch einige Millennien vor der Domestizierung von Bohnen und Mais. Der Conquistador Pedro de Cieza de León erwähnte die Avocado im 16. Jahrhundert. Die Etikettierung „Avocado“ ist auf den Nahuatl-Begriff ahuacatl zurückzuführen, der unter anderem „Hoden“ bedeutet. Und wenn wir uns schon in südlicher Gegend befinden, dürfte wir die legendären Qualitäten der Avocado als Aphrodisiakum nicht verschweigen. Laut der California Avocado Commission liege diese Eigenschaft an dem betörenden Duft. Wobei auch die Aminosäure Tryptophan, die mit den Vitaminen B6 und D harmoniert, das Lustgefühl nach dem Essen weiter vermehre.

Eigentlich eine Liebesgeschichte von der Vorspeise bis über den Nachtisch hinaus.

Und was hat der Hass damit zu tun? Hass ist der Name des Züchters, der in der kalifornischen Stadt La Habra Heights, am Rande von Los Angeles, die kugelartige Fruchtsorte mit der dicken, rauen Schale und mittlerem Fettgehalt (18 bis 25 %) hervorgebracht hat. Hass war beruflich gesehen ein Briefzusteller, aber mit seiner Kreuzung anno 1926 ging die Post ab. 1935 erhielt der Amateurgartenbaukünstler das US-Pflanzenpatent 139, und bald wurde sein Erzeugnis zur hochgeschätzten Delikatesse. Damals wurde es sogar anfangs für sage und schreibe 1 US-Dollar pro Stück gekauft. Heutzutage wären das nicht weniger als 15 US-Dollar! Hass schloss eine Vereinbarung mit einem Großgärtner namens Brokaw ab, wonach dieser nicht weniger als drei Viertel der Erlöse einstreichen durfte.

Tragischerweise erwirtschaftete Hass durch das Patent allerdings einen Gewinn von knapp 5.000 US-Dollar, zumal die Stecklinge vereinzelter Bäume vermehrt wurden und ganze Obstgärten entstehen ließen. Hass segnete 1952 das Zeitliche, in demselben Jahre, in dem sein Patent auslief. Der Mutterbaum vor seinem Wohnhaus wurde übrigens am 11. September 2002 gefällt. La Habra Heights feiert ihn immerhin in einem jährlichen Avocado Festival. Und Hass, die Sorte, feiert einen globalen Siegeszug. Die Avocado-Industrie macht jährliche Umsätze von mehr als einer Milliarde US-Dollar schon alleine mit dieser Sorte. Hass ist zwar lediglich nur eine von circa 400 verschiedenen Avocado-Sorten weltweit, macht aber rund 80 Prozent aller global angebauten Avocados aus. Mittlerweile wird sie in Israel, entlang der Iberischen Halbinsel, in der Türkei, in Südafrika, in Südamerika, in Australien und in Neuseeland „heimisch“ angebaut.

Diese schiere Beliebtheit dieser Trenn- und Trendkost bringt jedoch auch Probleme mit sich. Zum einen finden immer massivere Rodungen statt, um Platz für Avocado-Plantagen schaffen zu können. Alleine in Mexiko, so berichtet die Umweltorganisation Gira, zerstörten Abholzungen jährlich bis zu 4.000 Hektar Regenwald. Überdies weist die Avocado einen außerordentlich hohen Wasserverbrauch auf. An der Algarve verbraucht Europas größter Avocado-Monokultur beispielsweise 3,5 Millionen Liter Wasser, und zwar tagtäglich auf einer Gesamtfläche von gerade einmal 200 Hektar. Um es etwas gegenständlicher zu machen: Laut PETA würden drei Avocados mehr als 1.000 Liter Wasser beanspruchen, wobei ein Kilo Tomaten durchschnittlich weniger als 180 Liter benötigt.

Was tun? Die Frage stelle ich mir selbst, da ich Avocados sehr liebe. In Anbetracht dieser Erkenntnisse, und zwar angesichts des nicht zu leugnenden Klimawandels, gilt bei mir, weiterhin auf den nachhaltigen, biologischen Anbau. Weiterhin habe ich mich aber dafür entschieden, die Delikatesse eben als Delikatesse zu schätzen. Sie muss nicht tagtäglich auf dem Teller landen wie ein Jona-Gold-Apfel aus dem Garten. Grünes Gold ist nicht minder speziell. Hass werde ich also nach wie vor verzehren, jedoch wesentlich häufiger. Aus Liebe zur Umwelt.

Dr. Michaela Dudley
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