Taumelnde Würfel, Tönnies und ein bisschen Einstein

Neulich groovte ich zum Lied Tumbling Dice von den Rolling Stones. Es war das erste Mal seit langem, und es tat gut, die Abkopplung aus dem Album Exile on Main Street endlich wieder zu hören. Denn Tumbling Dice beinhaltet meines Erachtens das zweitbeste Lied aus dem gesamten Repertoire, das der Vegetarier Mick Jagger über seine fleischigen Lippen gebracht hat. Manche Fans sind übrigens der Überzeugung, Jaggers allerbestes Stück würde hinter dem Reißverschluss auf dem Plattencover Sticky Fingers stecken. Kreuzworträtsler und Quizshow-Begeisterte aufgepasst: Da stand eigentlich das Andy-Warhol-Modell Joe Dallesandro. Aber das ist eine andere Geschichte. Bei Tumbling Dice handelt es sich immerhin um ein gewisses Geschicklichkeitsspiel mit Würfeln. Der Songtext ist zweifelsohne eine misogyne Tirade, dafür aber millieugetreu und melodisch unwiderstehlich. So unwiderstehlich wie die Spielbank selbst, zumindest für den lamentierenden Liederzähler. Und die wertvolle Botschaft des Songs kann man für bare Münzen nehmen: Zocker seien Loser.

Und das sind Zocker: Verlierer, die sogar anderen buchstäblich die Schuld geben oder zumindest überlassen. Sie schmeißen ihre Würfel wie einen Bumerang durch die Gegend, sie bauen ihre Spielkartenhäuschen auf einem fragwürdigen Fundament. Und wenn ihnen alles um die Ohren fliegt, halten sie die Hand auf, ehe sie sich um ihre in Mitleidenschaft genommenen Opfer kümmern. Habgier hoch drei. Na gut, diese Binsenwahrheit ist an und für sich keine Eilmeldung. Das wusste ich längst. Doch erst dann, als ich jüngst durch die drei Minuten und fünfundvierzig Sekunden des Liedes Tumbling Dice rockte, hörte ich die Hässlichkeit der Habgier endlich so richtig heraus. Vielleicht hat es irgendetwas damit zu tun, dass ich währenddessen so nebenbei die unappetitliche Schlagzeile „Tönnies will Hilfe vom Staat“ erblickt hatte.

Es geht um Tönnies Holding. Das weltweit tätige Unternehmen mit Hauptsitz in Rheda-Wiedenbrück ist mit Abstand Deutschlands bedeutendster Betrieb für die „Fleischveredelung“. 1971 wurde der Konzern gegründet, und zwar übrigens zufälligerweise in demselben Jahre, in dem die Stones als Steuerflüchtlinge in ihrer Belle-Époque-Absteige Villa Nellcôte Tumbling Dice aufnahmen. Bislang hatte Tönnies bei den Vabanquespielen gewissermaßen Schwein gehabt. Allein im Jahre 2019 wurden laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) rund 20,8 Millionen Schweine von Tönnies verarbeitet sprich gemetzelt. Durchschnittlich zwanzigtausend pro Tag. Überdies hat der Fleisch-Gigant bereits 2018 bei der Übernahme eines insolventen Betriebes im Landkreis Osnabrück bekanntgegeben, die dortigen Rinderschlachtungen bei wachsendem Kühlraum von knapp dreitausend bis auf fünftausend pro Woche auszuweiten. Bei solcher Effizienz und bei solcher Einsatzfreude ist es kein Wunder, dass Tönnies es 2019 geschafft hat, die Umsatzmarke von sieben Milliarden Euro zu knacken.

Das sind, rein geschäftlich betrachtet, durchaus imponierende Zahlen. Aber mit dem Reinheitsgebot hat der von Familienstreitigkeiten und Fälschungsvorwürfen beschattete Konzern es womöglich nicht so genau genommen. In diesem Jahre kam es in Dissen zum Vorschein. Dissen am Teutoburger Wald. Ebenda, wo Tönnies Fleisch gelagert hatte, entdeckte man eine riesige Ansiedelung renitenter Ratten. Fellreste, Kotpillen und Anzeichen für den Nestbau der Ratten in einem geradezu monumentalen. Tja, Nagerbefall in einem vermeintlichen Vorzeigeunternehmen. Da beißt die Maus keinen Faden ab, oder? Und als man glaubte, es könnte nicht schlimmer kommen: Snake Eyes. Ja, Schlangenaugen, wie der Einser-Pasch am Spieltisch so heißt.

Tönnies gilt inzwischen als Auslöser der größten Massenansteckung während der Corona-Pandemie in Deutschland. Auf Grund der grottenschlechten Arbeitsbedingungen im grausigen Schlachtbetrieb von Tönnies haben sich um die 2.000 Menschen, sowohl Werksmitarbeiter als auch ihre Angehörigen, mittlerweile infiziert. Diese traurige Statistik dürfte eigentlich nicht überraschen. Lebensverachtung ist zwangsläufig auch Menschenverachtung, und in der Massentierhaltungsindustrie sind die Menschen ähnlich zusammengepfercht wie die Tiere. Allerdings sind die Mitarbeiter*innen freiwillig da. Dass viele von ihnen nun immer wieder vor dem Werk gegen die Arbeitsbedingungen protestieren, ist einerseits begrüßenswert. Aber andererseits ist es klar, dass sie danach hungern, das Tierschlachten nunmehr unter hygienischeren Bedingungen fortzusetzen, so dass sie nicht am Ventiltor auf der Intensivstation verenden, während sie dafür Sorge tragen, dass die halbierten Schweinekadaver wieder zünftig am Haken hängen.

Möge es verständlich sein, dass mein Mitleid für Metzger*innen und ihre unreflektierten Erfüllungsgehilf*innen, ob von Covid-19 betroffen oder nicht, sich in knallengen Grenzen hält. So knalleng wie die Schweineställe im Todestrakt. Denn sie denken offenbar keine Sekunde lang über das Leiden der unschuldigen Tiere nach. Nein, für mich sind diese Handlanger wie schlecht bezahlte, selbstbemitleidende Spielbank-Mitarbeiter*innen, die moralisch keine Probleme damit haben, anfällige Gäste immer wieder an den Tisch zu locken. Und all die, weil rechnet der milliardenschwere Casino-Besitzer und Corona Multiplikator damit, sein bedenkliches Geschäft weiterhin durch den Staat sprich von den Steuerzahler*innen subventionieren zu lassen. Denn er sei zu groß, um im Stiche gelassen zu werden. Kennen wir nicht diese Einstellung aus dem Bereich anderer „Spielbanken“.

Doch die Würfel sind gefallen, in Anlehnung an Julius Cäsars Spruch alea iacta est („Der Würfel ist geworfen worden“). Mit dem schrecklichen Corona-Virus ist der Rubikon schon in etlicher Hinsicht überschritten worden. Der Ernährungsreport 2020 zeigt, dass heutzutage „nur“ 26 Prozent der Deutschen täglich Wurst oder Fleisch verzehren, deutlich niedriger als vor fünf Jahren, als es bei 34 Prozent lag. Offenbar spielt Covid-19 eine mitentscheidende Rolle dabei. Auf jedweden Fall wäre es viel sinnvoller, gesunder und günstiger, diesen ermutigenden Trend zu unterstützen, anstatt Schlachthof-Imperien in ihren teils eigens verschuldeten Krisen durch zu füttern. Wir dürfen partout nicht zu Business as usual zurückgehen.

Dr. Michaela Dudley
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