„Vegan-Freundlichkeit“: Rankings und die Realität

„Irre“, so meine Reaktion. Dublin gilt als die weltweit veganfreundlichste Stadt. In der Hauptstadt der wortwörtlich Grünen Insel sind, laut Angaben des britischen Reiseanbieters Hayes & Jarvis, genau 21,3 % der Restaurants veganfreundlich. Bei dieser am 25. Oktober 2019 veröffentlichten Studie wurden die bei TripAdvisor gelisteten Gaststätten in den 50 meistbesuchten Städten der Welt mit mindestens 500 Restaurants untersucht. Als Kennerin Dublins gratuliere ich der Stadt, die über eine halbe Million Einwohner verfügt und mit einer stets breiter werdenden Palette pflanzenbasierter Gerichte aufwartet. Beliebt sind dort unter anderem Jackfruit-Burgers, die reichlich mit Coleslaw garniert sind, und gegrillte Tomaten auf Toast.

Unmittelbar hinter Dublin steht Phuket.

Zwar nicht geographisch, aber im Ranking. Der Anteil der als vegan-freundlich eingestuften Restaurants in dem populären thailändischen Urlaubsziel beträgt gemäß der Studie 20,1 %. Veganes Pad mit Gemüse-Curry und Tofu kann sehr lecker sein. Amsterdam hat es mit einem Anteil von 19,8 % allerdings auf den dritten Podestplatz geschafft, von London und Venedig dicht verfolgt. Mit Florenz an sechster Stelle weist das Ranking sogar eine zweite italienische Stadt auf. Molto bene. Auch zwei Metropolen aus den USA sind dabei: New York auf Platz neun und Orlando sogar auf Platz sieben. Von den beiden Städten wird übrigens die griechische Hauptstadt Athen gewissermaßen gesandwicht, wie etwa die Spinatfüllung in einem knusprigen Bougatsa-Blätterteig. Gratulation auch an Johannesburg. Die südafrikanische Hauptstadt mit elf Amtssprachen und Dutzenden von veganen Restaurants, liegt immerhin an zehnter Stelle mit einem veganfreundlichen Anteil von 15,5 %.

Aber Moment mal! Ich vermisse etwas. Keine deutsche Stadt erscheint in diesem Ranking. Hamburg und München? Jeweils Fehlanzeige, obwohl alle beide Städte mehr als eine Million Einwohner haben. Sogar nicht einmal Berlin mit 3,6 Millionen Einwohnern ist dabei vertreten! Als eine eingefleischt vegane Bewohnerin der Spree-Metropole macht es mich fassunglos. Schon wieder irre, diese Studie von Hayes & Jarvis. Vielmehr irreführend. Wie kann es sein, dass die Hauptstadt der Bundesrepublik, die schon seit etlichen Jahren auch als die vegane Hauptstadt Europas reüssiert, gar nicht in diesem Top-Ten-Ranking auftaucht?

Sofort denke ich an Winston Churchills bekanntes Zitat über Statistiken.

In meiner Indignation will ich die Absichten der beteiligten Statistiker, und das möchte ich hiermit betonen, allerdings nicht in Frage stellen. Doch welche Methoden fanden dabei Anwendung? Nichts gegen den Zweitsieger Phuket, aber die Provinzhauptstadt hat knapp 75,000 Einwohner. Sie in den gleichen Topf mit wesentlich größeren Städten zu werfen, führt zu einem statistischen Gulasch, aus dem man wenig Aussagekräftiges herausschmecken kann. Damit jedoch nicht genug. Auch wenn wir bei diesem Vergleich der Städte es den Statistikern verzeihen, dass der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz ignoriert wurde, gibt es ein weiteres Problem, das auch in anderen Studien zum Vorschein kommt:

Was genau ist die „Veganfreundlichkeit“? Wie misst man sie? Und wie wir können die Manipulationstendenzen und die Informationsdefizite, die es bei den Massentouristik-Webseiten und den Bewertungsapps für die Gastronomie gibt, effektiv ausschließen? Wenn selbst die ehrlichen NutzerInnen „vegan“ und „vegetarisch“ nicht immer voneinander unterscheiden können, dürften sie diesbezüglich eigentlich nicht zu einer wissenschaftlichen Studie beitragen.

Es ist schon schlimm genug, dass viele Mainstream-Restaurants, die mit uns kokettieren, das elastische Etikett der Veganfreundlichkeit verwenden, ohne ein waschecht veganes Bewusstsein entwickweln zu wollen. Wer kennt es nicht, wenn man außerhalb der Diaspora is(s)t? Ein sonst fleischlastiges Menü enthält ein paar Speisen, die als pflanzenbasiert gekennzeichnet sind. Wir fragen ein wenig skeptisch nach. „Vegan? Glaub’ schon“, erwidert der Kellner achselzuckend. „Zumindest vegetarisch. Auf Wunsch kann der Koch die Käseschnipsel entfernen, ne?“ Ist das denn vegan-freundlich genug? Ist man schon damit im Rennen um eine Erwähnung im Ranking? Wenn ja, dann ist es kein Wunder, dass ein Zerrbild der in den Großstädten allmählich heranwachsenden veganen Szene entstehen kann. Egal, wie unsere Lieblingsstadt bei den Rankings abschneiden mag, brauchen wir zunächst einmal Transparenz, einheitliche Messgrößen und – sowohl bei den Statistikern als auch bei den Befragten – sachdienliche Kenntnisse.

Fazit: Freut Euch zwar über die erhöhte Aufmerksamkeit, die wir VeganerInnen nach und nach bekommen – aber traut keiner Statistik und keiner Speisekarte mehr als Eurem Bauchgefühl.

Quelle: https://de.statista.com/infografik/19779/die-veganen-hochburgen-weltweit/

Dr. Michaela Dudley

Die Berlinerin Dr. Michaela Dudley, Jur. Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln, eine Kolumnistin des LGBTQ-Magazins SIEGESSÄULE und aktivistische Kabarettistin. Ihr Kleinkunstprogramm lautet „Gier-Echt: Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“. In diesem Zusammenhang erschien sie bereits als Gastmoderatorin beim RBB-Fernsehen, beispielsweise beim Berliner CSD 2019. Zudem doziert sie als Diversity-Expertin und wird unter anderem von der Deutschen Bahn und dem Sender MDR als Keynote-Rednerin gebucht: https://www.diva-in-diversity.com. Beim Veganen Sommerfest in Berlin und auf der Frankfurter Buchmesse trat sie als Diskussionsteilnehmerin zur Thematik Feminismus und Toleranz auf. Sie ist nicht zuletzt eine registrierte Übersetzerin (DIN-Certco 7U242) und Sprachberaterin DeutschEnglisch.
Dr. Michaela Dudley

Latest posts by Dr. Michaela Dudley (see all)

2 Gedanken zu „„Vegan-Freundlichkeit“: Rankings und die Realität

  1. Patrick Hager Antworten
    Athen in den Top 10? Super! Da wir für ein paar Monate in der Nähe der griechischen Hauptstadt wohnen werden, steigert das die Vorfreude. Ich hoffe, die “Veganfreundlichkeit” betrifft nicht nur Restaurants, sondern auch Lebensmittelgeschäfte.

    Hier in Kroatien bekommt man zwar Grundnahrungsmittel und Saisonales aus der Region für einen günstigen Preis. Vegane Fertigprodukte wie Pflanzendrinks oder Tofu sind jedoch um einiges teurer als in Deutschland. Ich bin also gespannt, wie es weiter südlich aussieht.

    Danke für die Infos und den Artikel!

    Herzliche Grüße
    Patrick

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

eins × 5 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.