Wenn sich Veganer*innen zerfleischen

20. Juli 2020. Wenn Dich die Politik nicht die Bohne interessiert, oder wenn Du Tomaten auf den Augen hast, was gesellschaftliche Entwicklungen anbelangt, hast Du früher oder später den Salat. Und ebenjener Salat wird Dir wahrscheinlich gar nicht schmecken, von der restlichen Speisefolge ganz zu schweigen.

Auch wenn ich mit dieser Mahnung Gefahr laufe, als empfindliche Erbsenzählerin abgestempelt zu werden, möchte ich anlässlich dieses historischen Jahrestages etwas auftischen, das den Hunger auf eine Würdigung der Demokratie wieder entfacht. Natürlich etwas Organisches und ebenso natürlich etwas Veganes. Diesen Appell richte ich sogar speziell an uns Veganer*innen. Aber selbstverständlich dürfen Nicht-Veganer*innen gerne mitessen. Denn es geht der ganzen Gesellschaft etwas an.

Wer Appetit auf die politische Apathie hat, lässt zu, dass Schwerverdauliches vorbereitet und allen auch ungefragt serviert wird: Chaos, Diktatur, Hetze und Vernichtung.

Ganz gemäß dem Menü, an dem die Feinde der Demokratie unaufhörlich basteln. Das hat die Geschichte auch gezeigt. Immer wieder. Ergo, die Redewendung „Wehret den Anfängen!“ ist eine Binsenwahrheit und ein fester Bestandteil unseres Sprachgebrauches. Man verbringt diese Redewendung, und zwar zu Recht, häufig in Verbindung mit dem gewagten linken Widerstand gegen die Nationalsozialisten und deren Nachfolger. Der großartige Johann Georg Elser, dessen Bomben-Attentat auf Adolf Hitler 1939 nur knapp scheiterte, hat „Wehret den Anfängen!“ gut verstanden. „Ich hab den Krieg verhindern wollen“, betonte Elser, der 1945 am Hinrichtungsplatz beim Krematorium in Dachau mit einem Genickschuss von der SS ermordet wurde. Es sei erwähnt, dass ich schon vor dem Mauerfall leibhaftig da stand. Nun ja, diejenigen Wehrmachts-Widerständler, die am 20 Juli 1944, heute vor 76 Jahren, versucht hatten, Hitler zu beseitigen, waren ja wohl nicht gerade aus dem linken Spektrum. Aber wenigstens hatten diese Männer – und Frauen – es auch gewagt. Und der Preis, den die meisten von ihn dafür zahlten, war auch sehr hoch. Der Bendlerblock und die Hinrichtungsschuppen am Plötzensee in Berlin zählen also nicht umsonst zu den Gedenkstätten des Deutschen Widerstandes.

Ursprünglich hieß die Aufforderung „Wehret den Anfängen!“ eigentlich ganz anders. Im Lateinischen lautet sie „Principiis Obsta“, wobei sie mit Obst und Südfrüchten zu tun hat. Sie stammt aus der Feder des römischen Dichters Ovid, der in Remedia Amoris von einem Heilmittel erzählt, das einem unglücklich Verliebten bei dem Unterfangen, sich zu entlieben, Beistand leisten sollte. Inwieweit dieses mit allen Risiken und Nebenwirkungen behaftete Remedium rezeptfrei war, bleibt nach gut zwei Millennien unklar. Ovid warnt immerhin davor, das Therapeutikum zu spät einzusetzen, „wenn nämlich die Übel durch langes Zögern erstarkt sind“. Auch wenn man in dem sardonisch verfassten Lehrgedicht Ovids auf den ersten Blick noch keinen möglichen Nexus zum Nationalsozialismus zu erkennen vermögen, gibt es einen trotzdem. Viel „Un-Heil“ wäre der Welt womöglich erspart geblieben, wenn die Menschen die Chance gehabt hätten, sich gegen den charismatischen Massenmörder gewissermaßen zu impfen.

Aber was ist der denn der Nexus zum Veganismus?

Bleiben wir beim Thema „Heil-Mittel“, nunmehr ebenfalls mit Bindestrich. Und mit diesem Bindestrich machen wir einen kleinen Gedankensprung von einem AH-Moment zu einem anderen. Attila Hildmann erhitzt die Gemüter wie er einst Soße in der Pfanne erhitzt hat. In Anbetracht meiner Mai 2020 hier veröffentlichten Kolumne „Veganismus zwischen Verschwörung und Empörung“ erhielt ich zahlreiche Solidaritätsbekundungen, wofür ich mich heute umso mehr bedanke. Aus einer gewissen Ecke kam jedoch auch eine Beckmesserei, zumal ich mich erdreiste hatte, dem veganen Starkoch Hildmann eine herbe Kritik aufzutischen, und zwar mitsamt meiner Anspielung auf den 20. April. Eventuell ist auch bei der Bezeichnung „Starkoch“ ein Bindestrich nötig, damit man dies nicht als„Stark-Och“ versteht. Auf jedweden Fall waren meine Verse gegen den veganen Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen für manche Hildmann-Fans, bei denen Kritik offenbar als Majestätsbeleidigung gilt. Deswegen haben ich in den letzten Wochen sogar zwei Freundschaften aufgekündigt und meine Kontaktlisten angepasst sprich gereinigt. Die Verlegerin musste auch Vorwürfe über sich ergehen lassen, wonach sie das Recht Hildmanns auf die freie Meinungsäußerung angeblich einschränken wollte. Es sei zudem unfair, dass immer mehr Großhändler ihn im Stiche lassen. Ein paar Leser*innen, die mehr oder minder geschäftlich mit Hildmann zu tun haben, waren sogar darum bemüht, mich davon zu überzeugen, meine Kritik an ihn zurückzuziehen und sie aus der politisch korrekten Sippenhaft zu befreien.

Hier möchte ich freilich nicht nachgeben, sondern nachlegen, und zwar auch und gerade gegen die unmaskierten, ach so „besorgten Bürger*innen“ der veganen Szene, die sich in Atilla Hildmann verliebt haben und keine Impfung dagegen bekommen wollen. Was nutzt es, sich selbst mit veganem Sekt als tierlieb zu feiern, wenn man nicht einmal den „Mumm“ hat, um ein paar Silben gegen das Abschlachten von Menschen über die Lippen oder zu Papier zu bringen. „Wenn ich Reichskanzler wäre“, so Hildmann, neulich in Berlin brüllend, „dann würde ich die Todesstrafe für [den Grünen Politiker] Volker Beck wieder einführen, indem man ihm die Eier zertretet auf einem öffentlichen Platz“.

Zuerst einmal: Warum würde ein Veganer überhaupt mit Eiern herumhantieren?

Zweitens: Die letzten beiden Reichskanzler waren Hitler (Zyankali und Kopfschuss erfolgreich) und der von ihm ernannte Großadmiral Dönitz. Was müsste man dazu sagen? Einiges kann man hinzufügen. Mit einer Fahne führte er jüngst wieder einen Autokorso durch Spree-Athen. Die Fahne war sein wild wehende Reichskriegsflagge, deren Aufschrift „Treue um Treue“ einen bestimmten SS-Slogan ebenso unweigerlich wie unverantwortlich ins Gedächtnis rief.  Es ist klar, wen Hildmann verehrt und wen respektive was seine Anhänger*innen zumindest erdulden. Konjunktive und doch eindeutig artikulierte Morddrohungen gegen Politiker*innen, Künstler*innen und Journalist*innen sind auf der Speisekarte von Hildmann. Er behauptet allen Ernstes, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen. Na ja, wer die Verfassung mit Füßen tritt, steht zwar auf dem Boden des Grundgesetzes, aber nicht auf eine konstruktive, altruistische Weise.

Solche Zeitgenossen sind das Volk?

Nein, sie sind der Pulk, eine eklektische, wenn nicht unbedingt bunte Meute, zu denen sich – unter anderem – Reichsbürgerinnen, Nipsters und Ghetto-Germanen hingezogen fühlen. Und vor „lauter“ Trubel und Heiserkeit kommen diese Maulkorbgegnerinnen irgendwie nicht dazu, gegen Tönnies-Schlachthöfe, Umweltzerstörung, Neonazi-Gewalt, Polizei-Brutalität, Rassismus, Misogynie oder Homo- und Transphobie zu demonstrieren. Das lässt in die Oberflächlichkeit dieser zukunftsunfähigen Ansammlung schon tief blicken. Vielleicht haben sie 88 Gründe dafür, demokratische Themen nicht zu beherzigen. Wer immerhin zu Hildmann steht, ob aus politischer Überzeugung oder aus finanzieller Neigung, müsste nicht von mir in die rechte Ecke geschoben werden. Nein, wer den Schulterschluss zu ihm sucht, befindet sich schon da. Fertig. Aufwachen, Leute, es ist der 20. Juli! Hildmanns braune Soße kommt nicht aus der Pfanne, sondern aus der Kloake. Ein waschechter Veganer kann nicht ein menschliches Gemetzel akzeptieren, geschweige denn anstreben. So jemand ist ein Schein-Veganer, und wie ein Schein-Asylant sucht er ein Refugium, und zwar in einem Rechtsstaat, den er nicht unterstützt, sondern umstürzen will.


Dr. Michaela Dudley
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