Am 17. November ist Weltfrühchentag 2018!

Eine Mutmachgeschichte 

Juna und Finnley (Von ihrer Mama)

Ich war 34 Jahre und nach lang ersehnter Zeit endlich schwanger und zu unserer großen Freude auch noch mit Zwillingen. Ein Pärchen, liebevoll von mir Susi und Strolchi genannt, natürlich galten diese Namen nur bis zur eigentlichen Geburt. Ich habe eine Gerinnungsstörung und musste daher von Anfang an Heparin als Blutverdünner spritzen, ansonsten war aber alles ganz gut und die Schwangerschaft verlief bis auf Übelkeit und Erbrechen ohne Probleme.

Ein ganz normaler Kontrolltermin stand an, ich war in der SSW 22/1. Seit ein paar Tagen hatte ich vermehrt Krämpfe in den Waden und auch im Bauch. Meine Hebamme hatte mir Magnesium empfohlen, vorsorglich wollte ich das mit meinem Arzt besprechen. Der Arzt bestätigte mir, dass Magnesium helfen sollte und ich die Dosis ruhig auch zwischendurch erhöhen könne.

Dann die Untersuchung, zuerst der Ultraschall vom Bauch. Alles super und beiden ging es gut. Strolchi wog etwa 540g und Susi 480g beide waren etwa 28 cm groß. Der Arzt war zufrieden für die Woche und obwohl es Zwillinge seien, hätten beide ein schönes Gewicht, es müsse nur darauf geachtet werden, dass der Abstand zwischen beiden sich nicht noch vergrößerte. Dann die Untersuchung von unten, um den Gebärmutterhals zu beurteilen. Auf einmal wurde der Blick des Arztes ernster und ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Er machte eine Aufnahme und erklärte, dass der Gebärmutterhals sich verkürzt hätte. Nur noch 1,2 cm!!! Der Schock saß, vor 10 Tagen war doch noch alles okay gewesen. Der Arzt erklärte, dass wahrscheinlich Bakterien die Verkürzung ausgelöst hatten und ich dazu noch zu weiches Bindegewebe habe. Da die Kleinen zu zweit waren, sei dadurch zusätzlich der Druck auf den Gebärmutterhals erhöht worden.

Sofort folgt die Einweisung ins Krankenhaus, ich sollte mich darauf einstellen, bis zur Geburt nur noch zu liegen. Eventuell könne man noch eine Cerclage (Verschließung des Gebärmutterhalses mittels Band) machen, doch der Zeitpunkt sei jetzt kritisch und das Risiko hoch.

Panik, Angst, Bangen, Hoffnung und viele andere Gedanken schossen durch meinen Kopf. Doch ruhig bleiben, damit Susi und Strolch nichts merken.

Im Krankenhaus angekommen, wurde sofort ein CTG geschrieben. Keine Wehentätigkeit nachweisbar, erstmal Erleichterung und ein Funken Hoffnung.

Danach die Untersuchung durch die aufnehmende Ärztin. Der Blick wurde wieder ernst, ein Abstrich wurde gemacht und ich solle bitte umgehend vom Untersuchungsstuhl runterkommen und mich in den Rollstuhl setzen. Mein Mann und ich waren verunsichert, panisch, irritiert, die Anspannung war im gesamten Raum zu spüren. Die Ärztin erklärte, die ganze Situation stelle sich noch drastischer da als gedacht.

Der Gebärmutterhals hatte sich gespalten und war nur noch mit 0,2 cm verschlossen, der gräuliche Schleier, den man auf der Ultraschallaufnahme sah, war die Fruchtblase. Das hieß, es konnte jederzeit losgehen und zu diesem Zeitpunkt war es für eine Cerclage schon zu spät, da diese bis maximal zur SSW 22/6 gemacht wird. Die Behandlungsmethode birgt ein hohes Risiko und ist nur durchführbar, wenn keine Keime nachgewiesen werden. Der Keimabstrich dauert aber 4-5 Tage und ich war bereits in der SSW 22/1. Wären Keime nachgewiesen worden, hätten diese erst behandelt werden müssen, und das mindestens 7 Tage mit Antibiotika, dann erneuter Abstrich, viel zu lange. Der Schock saß nun ganz tief und mit zitternder Stimme fragte ich panisch „was bedeutet das für UNS?“

Unser Krankenhaus hat seine Richtlinien und wir machen eine Maximalversorgung erst ab der 24 Woche, davor zählt es dann als später Abort, so die Ausführungen der Ärztin.
Unverständnis und Panik wechselten sich in meiner, in unserer Gefühlswelt ab. Man sitzt da und fühlt sich hilflos, versteht die Welt nicht, schockiert, wütend und einfach alles dreht sich im Kopf, es verschwimmt alles, jetzt die Gedanken zu sortieren, unmöglich. UNSERE Mäuse wollen Leben, wir geben sie nicht auf, sie schaffen das, wir schaffen das, wir sind stark, die Gedanken kreisten, die Tränen flossen.
Uns wurde der Boden unter den Füßen weggerissen und ich dachte: „Nein. Ruhig bleiben, bleib ruhig, die Mäuse dürfen die Panik nicht spüren.“

Es hieß, es könnte jeden Moment losgehen, eine weitere Untersuchung würde nicht mehr unternommen, zu hohes Risiko. Antibiotikatherapie wurde vorbeugend begonnen und ich musste liegen (Abstrichergebnis 4 Tage später zeigte Bakterien).

Doch nun hieß es kämpfen, stark sein und das Unmögliche möglich machen, wir würden unsere Babys nicht aufgeben.

Die Oberärztin kam auf uns zu. Sie erklärte die Situation und das eigentliche Verfahren, klärte mich über die Möglichkeiten auf und riet von einer Verlegung ab. Sie erläuterte, dass eigentlich eine Maximalversorgung erst ab der 24 Woche möglich sei. Risiken, Komplikationen und alle Wenn und Aber wurden besprochen, es war hart, sehr viele Tränen flossen. AM Ende fragt die Ärztin: „Wünschen sie trotz aller Risiken eine maximale Versorgung?“ JAAAAAAAA, das wünschen wir.

Die Oberärztin stimmte dem zu und bestätigte, dass beide für die frühe Woche ein gutes Gewicht hätten, es werde eine Maximalversorgung unternommen. Eine große Erleichterung, unsere Mäuse bekamen eine Chance. Meine Hoffnung war trotzdem, soweit wie möglich zu kommen, jeder weitere Tag und jede Nacht war ein Etappenziel.

SSW 23/0 und 23/1, die Lungenreife wurde gegeben und der Wehenhemmer angesetzt. Erleichterung in mir, denn somit hatten beide eine höhere Chance, doch die Panik blieb. Wir wurden durch den Oberarzt der Neonatologie über alles aufgeklärt: Welche Chancen, Risiken, Komplikationen bestehen, was kann passieren, welche Auswirkungen oder Behinderungen können auftreten, wie sind die Überlebenschancen und noch viele Punkte mehr. Das Gespräch war sehr hart und schwer zu ertragen, doch man sollte wissen, was einen erwartet.

SSW 23/5, Unruhe, ziehen im Unterleib, leichter Ausfluss. CTG zeigte keine Wehen.

Die Ärztin vermutete die Mutterbänder.

In der Nacht wurde es immer schlimmer, krampfartig, der Ausfluss wurde immer stärker. Ich klingelte nach der Schwester gegen 2.30 Uhr (SSW 23/6), ich vermutete Wehen, CTG zeigte keine, die Schwester sagte die Mutterbänder.
Um 4.45 Uhr wachte ich auf, unglaublicher Druck und Schmerzen im Unterleib, auf einmal war alles nass, ich machte das Licht an, der Boden und meine Beine, es war alles voller Blut. Panik und unglaubliche Angst, ich zitterte, mein Kreislauf spielte verrückt, ich klingelte nach der Schwester. Alles kam ins Wanken, innerlich die Hölle, ich hatte versagt.

Bitte durchhalten meine Piloten (ein Begriff, den meine Schwägerin geprägt hat, da das erste Ultraschallfoto aussah, als würden beide aus einem Cockpit schauen), ihr schafft das, ihr müsst das schaffen.

Dann ging alles ganz schnell. Untersuchung: der Muttermund 5 cm offen, die Entscheidung jetzt zu entbinden, ein schreckliches Gefühl.

Ich wurde für den Kreißsaal vorbereitet. Die Ärztin und Hebamme redeten mir gut zu, alle waren nett und wollten mir Mut machen und doch fühlte es sich unbeschreiblich schrecklich an. Ich hatte versagt, wenn sie es nicht schafften, war es meine Schuld und immer wieder die Frage nach dem Warum.

Um 5.40 Uhr wurde Juna Estelle mit 490 g, 30 cm groß und 21 cm Kopfumfang und um 5.42 Uhr Finnley Maxim mit 620 g, 32 cm und 23 cm Kopfumfang per Kaiserschnitt geboren und sie lebten. Beide wurden sofort einem Ärzte/Schwestern-Team der Neonatologie zur Versorgung übergeben.

Doch sie lebten und sie hatten sogar kurz geschrien, das schönste Schreien, das ich je gehört habe.

Mein Mann und ich warteten im Kreißsaal auf die erlösenden Antworten.

Ging es beiden gut, hatten sie es wirklich geschafft? Immer wieder bekamen wir Infos, alles sei gut, sie würden noch versorgt. Dann endlich, der erste Versorgungsarzt kam auf uns zu und die schönsten Worte in unserem Leben.

„Sie haben wunderhübsche Kinder und beiden geht es den Umständen entsprechend gut, sie sind versorgt und erstmal stabil.“

Wir weinten vor Glück und trotzdem blieb die Angst, die an einem nagt, dass unser Glück jede Sekunde zerbrechen könnte.

Am Nachmittag durften wir endlich zu den beiden. Wenn man denkt, dass 30 cm sich viel anhört und groß ist, dann ist man doch schockiert. Sie waren so klein, zierlich, zerbrechlich, die Haut wie Pergamentpapier, die ganzen Schläuche, Kabel, der riesige Inkubator und dann unsere kleinen Wunder, so hübsch, kleine winzige Minimenschen, es war unbeschreiblich. Ehrfurcht, Liebe, Angst, Hoffnung und so viel geht einem durch den Kopf. Man wird sich bewusst was es bedeutet so früh zu entbinden. Es ist erschreckend so kleine hilflose Geschöpfe da liegen zu sehen und zu wissen, dass all diese Maschinen von Nöten sind, damit sie überhaupt eine Chance auf Leben bekommen.

Beide wurden beatmet, Bluttransfusionen waren nötig, vorbeugend eine Antibiotikatherapie.

Wir wurden aufgeklärt, dass die nächsten Wochen schwer sein würden, es könne jederzeit zu einer lebensbedrohlichen Situation kommen, wir alle würden viel Kraft brauchen und der Ausgang sei ungewiss. Wir wurden sehr gut durch die Ärzte und die Schwestern aufgefangen und alles wurde uns in Ruhe erklärt, über alles hielt man uns auf dem Laufenden.

Leider bewahrheiteten sich schon in der zweiten Nacht die Prognosen. Um 2 Uhr nachts wurde ich im Krankenhaus geweckt mit der Nachricht „Sie müssen sofort zu ihrem kleinen Jungen, es geht ihm sehr schlecht, sie müssen jetzt sehr stark sein.“ Mein Mann wurde ebenfalls umgehend informiert. Finnley hatte Lungenbluten, die Beatmung war am Limit, auch Magenbluten wurde vermutet, seine Vitalwerte waren trotz der hohen Beatmung nicht gut. Es war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Die Schwestern und die Ärztin guckten sehr betrübt und klärten uns auf, dass sie alles Mögliche täten, doch wenn die Situation sich nicht besserte, dann müssten wir darüber nachdenken, Abschied zu nehmen. Wir waren hilflos und wie gelähmt, unser Mäuserich sollte leben, du musst kämpfen kleiner Mann. Wir saßen am Inkubator, sprachen mit ihm, legten Finger und Hand auf ihn. Wir signalisierten ihm

„Wir sind für dich da und wir wollen dich nicht gehen lassen, wir wollen dich richtig kennenlernen und dich so lieben wie du bist, sei stark, du schaffst das.“

Wir saßen viele Stunden und die Werte stabilisierten sich. Die Situation war erstmal überstanden und Finnley vorerst wieder stabil. Wir waren beruhigt und optimistisch doch wenig später wurde eine Gehirnblutung 3. Grades festgestellt, wieder wurde uns gesagt, es sei ungewiss, ob er die nächsten Stunden überlebt. Doch Finnley kämpfte und er kämpfte wirklich um sein Leben, er stabilisierte sich wieder und die Ärzte und Schwestern staunten. Der Kontrollschall am nächsten Tag zeigte, dass die Blutung gestoppt war. Nun hieß es warten. Eventuell könnte es infolge der Blutung zum Wasserkopf kommen, da der Abfluss des Gehirnwassers beeinträchtigt sein könnte und somit der Druck auf den Kopf steigen würde, eventuell müsste ein Shunt (künstlicher Schlauch vom Kopf zum Magen, der den Abfluss des Gehirnwassers ermöglicht) gelegt werden. Viele Informationen und von vielen Dingen hatten wir verständlicherweise noch nie vorher gehört. Doch alles wurde uns erklärt, dadurch nahm man uns die Verunsicherung. Es waren schwere Stunden, schwere Tage. Immer wieder bangen, man zittert und hofft, wir sitzen täglich viele Stunden bei unseren Mäusen, verlassen sie nur zum Schlafen.

Bei beiden wurde ein offener Duktus festgestellt, das war durch die Frühgeburt zu erwarten gewesen und normal, dieser verschließt sich eigentlich bei Geburtsvorgang von selbst. Bei beiden wirkte sich der offene Duktus auf die Blutkreisläufe und die Versorgung der Organe aus. Juna hatte Probleme mit der Lunge, bei ihr wurde eine Medikamententherapie mit Ibuprofen begonnen, die den Duktus schließen soll. Anfangs sah es gut aus und die Therapie schlug an, der Duktus schloss sich und die Abflussprofile der Organe verbesserten sich. Ein riesiger Erfolg, wir freuten uns sehr. Bei Finnley wirkte sich der offene Duktus auf die Nieren und den Darm aus, bei ihm durfte aufgrund der vorangegangenen Gehirnblutung kein Ibuprofen angewandt werden. Eine Alternative wäre eine Operation durch das deutsche Herzzentrum, die den Duktus operativ mit einem Clip verschließen würde, doch Finnley war nicht stabil genug, um operiert zu werden.

Es war ein Teufelskreis, da der offene Duktus potentiell immer mehr Schaden anrichtet, wenn er sich nicht zeitnah schließt. Dann die Lösung: Es sollte versucht werden, den Duktus durch Paracetamol zu schließen, die Chancen waren nicht hoch, aber es war ein Versuch. Wir waren erleichtert und hofften, dass es klappt. Doch leider wurde bereits nach wenigen Tagen die Behandlung mit Paracetamol abgebrochen, da sie nicht anschlug. Finnleys Allgemeinzustand hatte sich etwas stabilisiert, so dass die Entscheidung für einen operativen Verschluss getroffen wurde, da die Gefahr von Organschäden im Raum stand. Wir waren nervös und hatten große Angst, war Finnley wirklich stabil genug für diese Operation?

Am nächsten Tag wurde Finnley im Zimmer in seinem Inkubator operiert und wir zitterten vor der Tür. Die Nerven lagen blank und wir hatten Angst. Doch dann die erlösenden Worte, Finnley hatte es geschafft, die OP war optimal verlaufen und Finnley unter der Narkose die ganze Zeit über stabil. Wieder ein Etappenziel geschafft. Er erholte sich gut von der OP, doch dann traten immer wieder Probleme beim Stuhl absetzen auf. Der Bauch war gebläht. Finnley bekam Antibiotika und sein Zustand verbesserte sich.

Dafür wurde Junas Zustand auf einmal kritisch, es traten verstärkt Probleme mit der Lunge auf und immer wieder kam es zu drastischen Sättigungsabfällen, sie lief blau an. Ein Herzultraschall zeigte, dass der verschlossene Duktus sich wieder geöffnet hatte und es zu einer Überflutung der Lunge gekommen war.

Wieder war alles anders und wir waren schockiert, auch weil ihr Zustand sich sichtbar immer weiter verschlechterte. Wieder die Entscheidung zum operativen Verschluss. Die Operation wurde für 2 Tage später geplant.

Finnleys Zustand war zu diesem Zeitpunkt leider auch nicht in Ordnung. Die Chirurgen kamen jeden Tag zweimal, um seinen Bauch zu kontrollieren, er konnte immer noch nicht richtig Stuhl absetzen. Die Darmgeräusche und Blutergebnisse waren positiv, doch irgendetwas stimmte nicht. Die Chirurgen und Ärzte der Neo beratschlagten sich. Wieder waren wir geschockt und in großer Sorge. Dann kam der Oberarzt der Neonatologie auf uns zu und teilte uns mit, dass auch wenn das jetzt für uns ziemlich viel sei, weil Junas Operation kurz bevorstünde, er habe sein Veto eingelegt und Finnleys Operation würde ebenfalls für heute eingeplant, im Anschluss an Juna.

Wir waren erstmal sprachlos und überfordert, die Gefühle, die Emotionen spielten verrückt. Doch es würde sich im Anschluss zeigen, dass der Oberarzt mit seiner Entscheidung richtig lag. Zunehmend verschlechterte sich auf einmal der Zustand von Finnley und er erlitt einen Krampfanfall noch vor Junas Operation.
Wir mussten den Raum verlassen und warten, ich war kurz davor, die Fassung zu verlieren, und brach innerlich zusammen, mein Mann fing mich auf und schaffte es, mir Mut zu machen. Wir warteten. Dann wurde uns mitgeteilt, dass nun Finnleys Gehirn geschallt würde, es könne zu einer erneuten Blutung gekommen sein. Ein Alptraum. Die Minuten wollten nicht vergehen, bis die erlösende Nachricht kam: Keine erneute Blutung. Der Anfall war durch Schmerzen ausgelöst worden.

Dann durften wir noch mal kurz ins Zimmer, bevor Junas Operation begann. Es war schwer, ein kurzer Blick, ein paar Worte, die Ungewissheit, ob beide es schaffen würden.

Junas Operation verlief gut und trotz ihrer Lungenprobleme war sie während und nach der Narkose stabil, der Duktus war endlich verschlossen. Im Anschluss durften wir kurz zu ihr und gleichzeitig auch Finnley alles Gute wünschen.

Finnley war durch die Medikamente gegen den Krampfanfall bereits in einem Dämmerzustand. Dann hieß es wieder warten, bangen, hoffen, zittern und positiv denken, alles wird gut. Die Zeit verging nur langsam, nach einer Stunde kam der Oberarzt und sagte uns, Finnley sei unter der Narkose stabil, aber es war die richtige Entscheidung heute zu operieren. Beim Öffnen der Bauchdecke war bereits zu erkennen, dass es zu einem Darmverschluss gekommen war und der Darm bereits perforiert sei, es musste ein Darmstück von 10cm entfernt werden. Finnley würde danach einen künstlichen Darmausgang bekommen. Es war Glück im Unglück, der Darm war erst während der OP gerissen, so konnte der Inhalt nicht in den Bauchraum, Finnley hätte eine solche Notoperation nicht überstanden.

Mein Mann war am Ende seiner Kraft und wir bauten uns gegenseitig auf und gaben uns Halt. Die Operation dauerte mehrere Stunden und gegen 21.30 Uhr durften wir endlich zu unseren Mäusen. Beide hatten auch diese Hürde gut gemeistert. Ein schlimmer und kräfteraubender Tag endete.

Beide Babys erholten sich schnell von ihren Operationen, doch in den folgenden Wochen kam es immer wieder zu kritischen Situationen, lebensbedrohlichen Infektionen und immer wieder hatte insbesondere Juna mit ihrer Lunge zu kämpfen, so dass sie sogar mehrfach gebeutelt werden musste, weil ihre Lunge zusammen gefallen war.

Doch Juna hatte ihren ganz eigenen Kopf und erstaunte alle immer wieder. So stellte sich ihre Atemsituation am Vormittag unter CPAP schlecht dar und am Abend riss sie sich die Maske immer wieder ab, so dass die Schwester sie abnahm und Juna atmete einfach mal so ganz ohne alles für fast 45 Minuten, als wäre das gar nichts. Ja, Juna hatte ihren ganz eigenen Kopf.

Finnley machte der Stomabeutel zu schaffen, da dieser nicht halten wollte und das Entfernen und neu Aufkleben des Beutels stellte für ihn eine Tortur da. Zum Glück konnte der künstliche Darmausgang nach knapp 4 Wochen in einer erneuten Operation erfolgreich zurückverlegt werden. Und der Darm arbeitete wieder normal. Ein super Erfolg, mit dem man nicht unbedingt hätte rechnen können.

Juna kämpfte noch lange immer wieder mit Atemaussetzern, leider gab es auch immer wieder Probleme beim Trinken. Sie hörte einfach auf zu atmen, es war zum Verzweifeln. Die Koordination zwischen schlucken, trinken und atmen wollte ihr zeitweise einfach nicht gelingen. Auch musste Juna sich gegen Ende ihrer Krankenhauszeit einer Leistenbruchoperation unterziehen, die sie gut wegsteckte.

Beide Babys mussten viel über sich ergehen lassen, knapp 4 Wochen beatmet werden, danach CPAP und dann High-Flow. Beide hatten einen sehr schweren Weg, viele Komplikationen, mehrere Infektionen, mit zeitweisen Augenproblemen und doch haben sie es geschafft.

Doch eins wissen wir: Ruhe bewahren und fest an seine kleinen Wunder glauben und ihnen ganz viel Liebe schenken. Jeden Tag als Etappenziel sehen und jeden Moment aufsaugen und sich an jedem noch so kleinen Erfolg erfreuen. Das hat uns Kraft gegeben.

Nach 111 Tagen auf der Neonatologie durften wir endlich unsere kleinen Wunder mit nach Hause nehmen und das Glück als Familie nun endlich zu Hause genießen. Ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Vor Stolz könnte man platzen und die ganze Welt umarmen.

Beide wurden mit Magensonde entlassen, da sie ihre Trinkmenge im Krankenhaus nicht geschafft haben und Juna immer wieder Probleme mit dem Verschlucken hatte. Doch auch da haben beide gezeigt, dass sie ihre eigene Persönlichkeit haben. Juna hat vom ersten Moment an zu Hause alle ihre Fläschchen hintereinander ohne Probleme getrunken, die Magensonde brauchten wir nicht ein einziges Mal. Und auch Finnley hat nach ein paar Tagen seine Fläschchen ohne Probleme getrunken und war somit auch endlich seine Sonde los.

Wie die Schwestern es immer im Krankenhaus gesagt hatten: „Sie werden sehen zu Hause ist alles anders, viel mehr Ruhe und es macht Klick und alles ist gut.“ Genau so war es dann auch.

Mittlerweile sind Juna und Finnley 8. Monate alt, wiegen beide über 5500 Gramm und haben sich super entwickelt. Sie drehen sich, sie brabbeln, lachen, spielen, greifen und haben so viel Spaß. Sie machen Grimassen und genießen das Leben, trinken ihr Fläschchen und mampfen Brei. Es geht ihnen sehr gut und die Ärzte sind zufrieden. Es ist nicht mit Folgeschäden zu rechnen, auch wenn natürlich immer noch regelmäßige Kontrolluntersuchungen anstehen, die bei Extremfrühchen aber auch ganz normal sind. Beide sind aufgeweckte, pfiffige, fröhliche und wunderbar liebenswerte Geschöpfe der Liebe.

Die Zeit war schwer und hart. Doch wenn wir unsere kleinen „großen Wunder“ sehen dann wissen wir, die Kleinen waren und sind die größten Kämpfer. Man darf nie aufgeben und sollte nie den Mut oder die Hoffnung verlieren. Uns wurde gesagt, dass wir mit unserer Ruhe, dem Optimismus den wir ausgestrahlt haben und den vielen Stunden die wir täglich da waren, dazu beigetragen haben, dass unsere Mäuse besonders gekämpft haben. So haben wir alle für unser Glück gekämpft und dafür das größte Geschenk auf Erden erhalten.

Wir danken allen, die uns auf diesem schweren Weg begleitet haben, uns Mut zugesprochen, Halt gegeben und den Rücken freigehalten haben. Natürlich sprechen wir unseren aufrichtigen Dank dem gesamten Team der Neonatologie und Chirurgie vom Ernst von Bergmann Krankenhaus in Potsdam aus, sowie dem Nachsorgeteam. Wir werden Ihnen immer verbunden sein, dass sie unseren Mäusen durch ihren Einsatz das Leben ermöglicht und uns so liebevoll betreut haben.


“Eine Stimme für Frühchen”

Wenn ein Frühchen das Licht der Welt erblickt, beginnt für die Eltern eine sehr emotionale Zeit, in der sie sich oft hilflos fühlen. Stunden- und tagelang sitzen sie neben dem Inkubator und beobachten die kleinen Vögelchen, die viel zu früh aus dem Nest gefallen sind. Der Anblick ist nicht leicht zu ertragen, denn sie können so wenig für ihre eigenen Kinder tun. Und doch sind die Frühstarter darauf angewiesen, dass ihre Eltern zu ihnen halten. Schon die Stimmen beruhigen. Die Kinder kennen sie noch aus der Schwangerschaft, und der geliebte Klang ist für sie die einzige Konstante. Er gibt ihnen Sicherheit und Geborgenheit und entspannt sie. Darum ist das Vorlesen eine wunderbare Möglichkeit für Eltern, ihre Kinder aktiv zu unterstützen.

Raupe Usemuck, Carlotta mit dem vermeintlichen Sprachfehler, Schneckenkönig Paul I. oder der etwas zu abenteuerlustige Igel Isidor:

Die Helden dieses Buches zeigen, dass das Kleinste manchmal ganz groß ist. So knüpfen die Kurzgeschichten zum Vorlesen am Inkubator ein liebevolles Band zwischen Frühgeborenen und ihren Eltern. Zusammen mit den Erfahrungsberichten von Frühstarter-Familien und den einfühlsam gezeichneten Bildern machen sie betroffenen Eltern Mut. Mut, daran zu glauben, dass sich ihr schwerer Weg lohnt.


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About Karo

Karo, Jahrgang 1983, ist der Kopf hinter dem GrünerSinn-Verlag. Gegründet 2013, produziert der GrünerSinn-Verlag von Anfang an alle Druckerzeugnisse klimaneutral und frei von tierischen Produkten, sprich: komplett vegan. Neben dem Verlag findet man Karo, die seit 2012 vegan lebt, oft in der Natur und auf Reisen. Sie liebt es einfach, unbekannte Orte und andere Kulturen zu entdecken.

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