Wolle, Wohl oder Übel – Tierleidfreie Textilien

Seit meiner Kolumne „Ansichtssache Anziehsachen“ sind Interessierte hoffentlich ein Stück weiter gekommen. Zumindest jenseits der Frage: „Was juckt es mich als vegane Person, wenn ich Mode aus Tierprodukten trage? Es kann schon jucken, vor allem wenn die eigene Haut allergisch auf Wolle reagiert. Bläschen, Dermatitis, Pickel, Pusteln und raue Hände sind nur einige der typischen Symptome einer Wollallergie. Unangenehm oder sogar unerträglich für die Trägerinnen und Träger. Freilich wäre es an den Haaren herbeigezogen, zu behaupten, dass das Scheren von Schafen für sie, die betroffenen Tiere selbst, ein schönes Erlebnis wie aus dem Streichelzoo wäre. Müsste es uns Menschen erst jucken, bevor wir Mitleid für ein kuscheliges Lamm haben, das „lediglich“ seine Haare und nicht sein verliert?

Wenn es sich um Schafe handelt, da wird Vieles am Rad gesponnen. Auch auf eine wortwörtlich „woll-wollend“ Weise. Es hat was von Gemütlichkeit, Idylle und Romantik. Wir denken an die Oma in ihrer Stube, auf dem Schaukelstuhl sitzend, mit Häkelgarn oder Strickwolle hantierend, während sie Pudelmützen, Pullover, Schale und Socken entstehen lässt. Man genießt den Blick auf weidende Schafe in einem bukolischen Gefilde und betrachtet sie als Kreaturen, die mit der Landschaft sehr eng verwoben sind. So eng verwoben, dass ihre Wolle für einen natürlich wachsenden Rohstoff erachtet wird, der uns bereitwillig und brauchbar zur Verfügung steht. Die menschliche Sucht nach Wolle lässt manche einiges über die Schafzucht ausblenden, verharmlosen oder verklären. Eigentlich müssten die Schafe allerdings nicht unter der vollen Wucht der Wolle leiden. Denn sie wurden nicht dazu geboren, um dauernd geschoren zu werden. Nein, sie tragen nur so viel am Leibe wie sie benötigen, um sich gegen frostige Temperaturen oder auch Hitze zu isolieren. Der übermäßige Wachstum ihres Vlieses wurde genauer genommen infolge der „traditionellen“ Schafzucht im Laufe mehrerer Jahrhunderte heran gezüchtet. Anfangs wurde die Wolle gewonnen, indem man es den Schafen während der Mauser, des natürlichen Prozesses des Fellwechsels, einfach auskämmte. Auch ungefragt, aber immerhin minimal invasiv. Doch mit der Erfindung und dem Einsatz des Schermessers wurde die Zunft industrialisiert, und im Zuge der Globalisierung steigt das, was die Schafe buchstäblich über sich ergehen lassen müssen, ins unermessliche Leid.

Schafe wurden von der Natur nicht geschaffen, um regelmäßig geschoren zu werden. Ohne die Einmischung des Menschen bekommen die Schafe nur so viel Wolle, wie sie benötigen, um sich gegen extreme Witterung zu schützen. Das Wollvlies isoliert den Körper der Tiere sowohl gegen Kälte als auch gegen Hitze. Ursprünglich wurde Wolle gewonnen, indem man es den Schafen während der Mauser (natürlicher Fellwechsel) auskämmte. Das Züchten zum Erzielen eines ständigen Vlieswachstums begann erst nach der Erfindung der Schermesser. Dann ging es aufwärts, und zwar vor allem down under.

Counting Sheep,

I can not sleep,

The profit I reap,

Counting Sheep,

In meinem Kabarettprogramm, das sich mit menschlicher Brutalität und anderen Errungenschaften der Zivilisation befasst, habe ich ein Wiegenlied über das Aufzählen der Schafe. Die Figur, die das Stück singt, hat Dollar-Zeichen in ihren Augen. Genauer genommen Australian Dollars. Denn der größte Wollproduzent auf Mutter Erde ist Australien, ein Land, das über weitaus mehr als 100 Millionen Schafe verfügt, und ein Viertel der gesamten Wolle, die global verkauft sowie verarbeitet wird, kommt aus dem Kontinent down under. Kann man alle Betriebe über einen Kamm scheren? In einiger Hinsicht leider ja. Mehr erfolgt, und zwar über das gruselige Thema „Museling“.

Dr. Michaela Dudley
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